Hartnäckigkeit für ein grosses Ziel - Wie der Basler Alex Matter mit seiner Esperanza Foundation Afrikas Aidsplage lindern will
Basler Zeitung, 22.02.2008
Alex Matter (68) könnte mit dem, was er tut, rundum zufrieden sein. Aber eines will er noch erreichen: Afrikas armen Aidskranken nachhaltig helfen. Mit der Esperanza Medicines Foundation ist er auf dem Weg dazu. Hätte er mehr Geld zur Verfügung, gings schneller.
Wenn er aus Singapur wieder mal nach Basel kommt, dann hat er eine Agenda voller Termine. Alex Matter, seit 2003 Direktor des von Novartis am Tor zu Asien gegründeten Nonprofit-Instituts für Tropische Krankheiten (NITD), trifft sich in seiner Heimatstadt mit Forschenden aus der Infektiologie, mit Partnern und Freunden aus früheren Forschungszeiten. Aus gloriosen Zeiten, denn der Mediziner hat, bevor ihm sein Amt in Singapur übertragen wurde, als Leiter der Onkologie von Ciba und später Novartis entscheidend dazu beigetragen, dass die Chronisch Myeloische Leukämie ihren lebensbedrohlichen Charakter verloren hat. Dank Glivec, dem wohl berühmtesten Novartis-Medikament. Hartnäckig hatte er seit 1993 in der Ciba und später bei Novartis mit seinem Team die Idee verfolgt, dass es möglich sein müsste, durch Hemmung von sogenannten Kinasen Krebs zu bekämpfen. Wie entscheidend diese Hartnäckigkeit dafür war, dass Novartis mit Glivec einer ständig wachsenden Zahl von Patienten vorher unerreichbare Hilfe bieten konnte, bezeugt kein Geringerer als Novartis-Präsident und -Konzernchef Daniel Vasella in dem 2003 publizierten Buch «Magie Cancer Pill», das die Story «der kleinen orangen Pille, die Medizingeschichte schrieb», nacherzählt.
AUF GUTEN WEGEN. Glivec wurde zum Blockbuster. Alex Matter, Lorbeeren eher abhold, übernahm den ihm übertragenen Posten im neuen Institut in Singapur, wo es darum geht, gegen einige der in tropischen Ländern wütenden Seuchen Abwehr zu finden: Dengue, Malaria, Tuberkulose zum Beispiel. Mehr als 140 Leute arbeiten jetzt in diesem zusammen mit dem Stadtstaat Singapur gegründeten Institut. Zahlreiche Projekte sind am Laufen, mitfinanziert etwa von der Bill- und Melinda-Gates-Stiftung. «Wir haben interessante Ansätze gefunden», sagt Alex Matter. Zum Beispiel einen neuen Wirkstoff, der gegen alle vier Typen von Dengue-Viren wirkt. Die Krankheit wird von Moskitos übertragen und verursacht in einem kleinen Prozentsatz schwere Krankheitsbilder. Am schlimmsten sind die hämorrhagischen Formen, wo Patienten, oft Kinder, regelrecht verbluten. Klinische Versuche sind angesagt. Das Netzwerk mit Verbindungen zu Vietnam, einem eigenen Institut in Indonesien und anderen Partnern steht.
Doch Alex Matter hat noch einen anderen Hut auf. 2004 gründete er noch in Basel zusammen mit Rainer von Mielecki, damals noch bei der Syngenta, die Esperanza Medicines Foundation. Die Basler Stiftung sollte nach Wegen forschen, wie man vor allem der armen Bevölkerung Afrikas helfen könnte, sich gegen das Aidsvirus zu wappnen, Infektionen zu vermeiden oder zu behandeln. Billig muss es sein und leicht erreichbar. Der Traum: Pflanzen bereit zu stellen, die Stoffe gegen die Viren enthalten und sozusagen hinter Haus und Hütte wachsen. Pflanzen, aus denen die Frauen Schutz gegen Ansteckung gewinnen könnten, oder die als Arzneiquellen gegen das gefährliche HI-Virus funktionieren. Natürlich werden solche Ideen hier und da belächelt, aber das schert einen Alex Matter nicht.
«Die Situation in Afrika ist unerträglich», sagt der Arzt, «und sie wird immer schlimmer.» Allein im Afrika der Subsahara sind über 25 Millionen Menschen infiziert, mehr als zwei Millionen sterben jedes Jahr. Sieben Millionen sollten mit Aidsmedikamenten behandelt werden. «Aber trotz gigantischer Anstrengung», so Alex Matter, «kommen nicht einmal ein Drittel in den Genuss der Therapie.»
ZUR HÄLFTE FINANZIERT. Vier von zehn dieser scheinbar Glücklichen nehmen nach zwei Jahren ihre Pillen nicht mehr. Wegen Nebenwirkungen, extremer Armut, Transportschwierigkeiten oder sozialer Ausgrenzung. Zwar sei es eigentlich eine grossartige Leistung, dass eine Therapie mit Mitteln der ersten Generation inzwischen nur zwischen sieben und elf Franken pro Monat kostete. Doch zusammen ergibt das riesige Summen. 2007 waren es noch 15 Milliarden, 2008 könnten es schon 22 sein. Doch dass dieses Geld auch wirklich zur Verfügung gestellt wird, sei keineswegs gesichert. 2007 war gerade die Hälfte finanziert. Und völlig unwahrscheinlich ist für Matter, dass in Zukunft die immer weitersteigenden Kosten gedeckt werden. Zudem treten Resistenzen auf, die Medikamente der zweiten Generation erfordern. Doch die sind erst recht unerschwinglich.
START IN BASEL. «Da muss man doch alles versuchen», sagt Alex Matter. Mit dem Geld, das der Stiftung unter anderem auch von Novartis mit auf den Weg gegeben wurde, sind mehrere Projekte gestartet worden. Die Novartis stellte zudem ihre seit Sandoz-Zeiten reichhaltige Bibliothek pflanzlicher Naturstoffe frei zur Verfügung. Die Basler Firma InPheno, unter anderem spezialisiert auf Tests für HIV-Wirkung von pharmazeutischen Stoffen, fand schliesslich fünf von Pflanzen und fünf aus Pilzen und Bakterien stammende Naturstoffe, die sich als Kandidaten für die Entwicklung zu eignen schienen.
Am Institut für Pflanzenwissenschaften der ETH in Zürich zeigte Carmen Faso, dass in Tabak- und Cassava-Pflanzen die Aktivität von Cyanovirin-N exprimiert werden kann. Ein Stoff, der sich dazu verwenden liesse, äusserlich Viren abzuwehren. Er wurde von den NIH, die National Institutes of Health in den USA, zur Verfügung gestellt. Zudem wurden sogenannte Rantes-Analoge ins Programm genommen, die als vaginaler Schutz dienen könnten. Für dieses Projekt konnten Partner in Südafrika gerunden werden. Etwa der Council for Scientific and Industrial Research (CSIR) in Pretoria.
Doch Alex Matter will auch auf das Wissen von eingeborenen Heilern zurückgreifen. Der «unglaublich erfahrene» südafrikanische Ethnobotaniker Nigel Gehricke arbeitet mit. Mit dem Institut für Traditionelle Medizin in Tansania gibt es Verbindungen, Kamerun kommt dazu.
SPARSAMES HAUSHALTEN. Die Stiftung selbst arbeitet äusserst sparsam. «Wir können uns keine grosse Infrastruktur leisten, absolut nicht», sagt Alex Matter. Die meisten Partner arbeiten ohne Entschädigung. «Wir haben Leute dabei, die über jahrzehntelange Erfahrung verfügen und uns mit ihren Netzwerken beistehen, das ist unglaublich», freut sich Matter. «Allein dass das funktioniert, ist für sich schon ein gelungenes Experiment. Die Leute, die mitmachen, sind von Anfang an dabei und machen weiter. Das ist etwas vom Besten.» Voll hinter den Zielen steht auch Peter Piot, der Direktor des Aidsprogramms der UNO. «Das ist für uns sehr wichtig.»
Die Stiftung ist Drehscheibe, macht Projektmanagement, verknüpft Partner, betreibt Kommunikation - und sorgt für das Fundraising. Denn ohne Geld kommt man auch mit bestem Willen nicht weit. «Es ist ein steiniger Boden», sagt Alex Matter dazu, aber resigniert tönt das nicht. In eine Non-Profit-Organisation stecken Investoren kein Geld, grosse Stiftungen haben andere Prioritäten. «Wenn wir einmal bewiesen haben, dass unser Konzept funktioniert, wird es vorwärts gehen», hofft Alex Matter. «Wir müssen diesen Gang durch die Wüste auf uns nehmen.»
SCHLÜSSELMOMENT. Dass manche skeptisch sind, kann Matter gut verstehen. Das ist ihm nicht unbekannt. Auch dass es grundsätzliche Opposition gibt gegen die gezielte Veränderung von Pflanzen, ist ihm klar. Aber er weiss auch von früher, dass Pflanzen den richtigen Weg weisen können: Es war ein Schlüsselmoment, als Matter erfuhr, dass japanische Forscher in einem Pilz Stauroporin gerunden hatten - der Stoff hemmte eine ganze Menge von Kinasen. Das war der Punkt, an dem Alex Matter beschloss, nicht mehr von Kinasen abzulassen. Tausende Menschen haben davon profitiert.
Benefiz-Konzert am 1. März
17 Uhr ELISABETHENKIRCHE. «Hoffnung durch Musik» ist der Titel eines Benefiz-Konzerts, das am Samstag, dem 1. März um 17 Uhr in der Basler Elisabethenkirche beginnen wird. Die junge Pianistin Salome Scheidegger wird auftreten, der Direktor des Schweizerischen Tropeninstituts, Marcel Tanner, eine Ansprache halten, und bei einem anschliessenden Aperitif wird die Möglichkeit bestehen, mehr über die Stiftung aus erster Hand zu erfahren.
Ein Ticket kostet 100 Franken, man kann auch mehr geben.
Der gesamte Ertrag geht an die Stiftung, hckl
Vorverkauf bei Laines Anny Blatt, Sattelgasse 5, Basel. Tel./Fax 0612617374 oder an n_bubendorff@email.com.
Billette sind auch an der Abendkasse erhältlich. Voranmeldung aus organisatorischen Gründen erwünscht.
MARTIN HICKLIN